Auf den Spuren unserer steinernen Zeitzeugen
Steinerne Zeugnisse christlichen Kulturgutes
Bildstockwanderung 2. Teil
Von Daniela Wagner und Georg Salz-Frühauf
21 Bildstöcke und Flurdenkmale sind in und um das Dorf Oberweißenbrunn herum aufgestellt.
Zahlreiche Dokumentationen und Aufzeichnungen ermöglichen einen detaillierten Blick auf die Objekte, ihre Entstehungsgeschichte und ihren heutigen Erhaltungszustand.
In einer zweiten Etappe, die am Palmsonntag mit 19 Teilnehmenden wieder sehr gut besucht war, führte die etwa 4 km lange Route an vier Bildstöcken und einem Fluraltar vorbei. Höhepunkt der Wanderung war das Erklimmen der mittelalterlichen, abgegangenen Doppelturmhügelburg „Hagküppel“.
Auch bot die Streckenführung Gelegenheit, Wissenswertes zur Dorfgeschichte einzuflechten.
Blickfang in der Dorfmitte
Man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen, welches außerordentliche Kunstwerk hier in der Dorfmitte, an der Kreuzung Geigensteinstraße / Mühlackerstraße steht und Startpunkt der diesjährigen Wanderung war. Es handelt sich um die vor Allem in den Bistümern Bamberg und Würzburg verbreitete Bildstock-Sonderform eines „Kreuzschleppers“ – einer Freifigur des kreuztragenden Christus mit Schergen auf einem reich verzierten Rocailleschaft mit Ovalmedaillons und zwischenzeitlich erneuerten Sockel (Bild 1).
Der leidende Jesus auf dem Weg nach Golgotha. Im Auftrag des Altbürgermeisters Caspar Schöppner (dem „Altscholz“, nach ihm ist auch das Wohnhaus Geigensteinstr. 16 benannt) wurde diese Arbeit im Stil des Rokoko wahrscheinlich von Karl Albert aus Gabolshausen im Jahr 1773 angefertigt.
Laut Dr. Heinrich Mehl einer der bemerkenswertesten Kreuzschlepper Frankens.
In dieser Zeit wurden in Oberweißenbrunn viele Bildstöcke aufgestellt. Wieder einmal hatte die Dorfgemeinschaft durch Gottes Kraft und Hilfe eine von vielen Notzeiten, diesmal die Folge des Siebenjährigen Krieges, überstanden. Als Zeichen des Dankes, zum Lob Gottes, verbunden mit der Bitte um weiteren Schutz und Segen für die Bewohner wurden die Aufstellungen dieser Denkmale durch die Gemeinde oder private Stifter veranlasst.
Der Kreuzschlepper wurde im Jahr 1990 im Auftrag von Oskar Schöppner restauriert und ist bis heute in einem gepflegten, behüteten Zustand.
Der Name des Dorfteils „Brücke“, durch die die Wanderung unter der fachkundigen Führung von Daniela Wagner startete, geht auf die historische, große Brückenanlage zurück, die in der Amtszeit des Bürgermeisters Hans Koch etwa um 1620 erbaut wurde, um befestigt und sicher zur Mühle und in den „Mühlacker“ zu gelangen.
Der große, öffentliche Tränktrog stammt aus dem Jahr 1826. Ursprünglich schlängelte sich hier die Dorfstraße durch den Mühlacker zum unteren Dorfausgang. Erst Ende der 1930er Jahre, kurz vor Kriegsbeginn, wurde die Hauptstraße vom Geigenstein kommend geradeaus ins Dorf verlegt.
In Oberweißenbrunn gibt es drei Mühlen – hier an der Brücke ist die „Mittelmühle“ zu sehen. Ein typisch fränkischer Dreiseithof mit Auszugshaus, um 1585 erbaut und bis heute erhalten. Der steile, steinerne und uralte Aufgang zur „Dorngasse“ rechts daneben führt noch heute in die dahinterliegenden Hausgärten von Dorfbewohnern.
Es folgte ein etwas längerer Streckenabschnitt durch den Mühlacker, einem der ältesten Dorfteile Oberweißenbrunns, in Richtung Dorfausgang. Back, Schmieds, Krämersch … jedes Haus trägt einen Hausnamen.
Sichtbarer Verfall
Den Bildstock „im Grund“ erreichten die Wanderer über den „Erlichweg“, wo das Denkmal aus dem Jahr 1833 heute nach mehrmaligen Versetzungen neben der B 279 abgelegen mitten auf einer Wiese steht. Eine Besonderheit ist, dass die Rundsäule mit Weinranken verziert ist. Zum Dank Gottes wurde der Bildstock seinerzeit von zwei Ehepaaren des Dorfes gestiftet und gesetzt. Motive und Inschriften beziehen sich auch hier wieder auf die Passion und sind zum Teil stark verwittert. Es sind viele Beschädigungen und Ausbesserungen zu erkennen, Inschriften teilweise schon nicht mehr lesbar, Flechten und Moose haben sich am Sandstein ausgebreitet.
Zurück auf dem Erlichweg bietet sich ein schöner Ausblick auf die „Hagküppel“ und den darunterliegenden Kirchberg. Im sogenannten Rößnerbuch des Staatsarchives Würzburg wird hier im Bereich der heutigen Kirche mit Friedhof im Jahr 1285 ein Rittergut als Weyherisches Lehen der Ebersberger genannt. Ebenso in einer Urkunde aus dem Jahr 1402 ein Lehen des Hochstiftes Würzburg an Hermann von Weyhers. Dieser Gutshof gilt als Keimzelle des Dorfes, das im Jahr 1373 erstmals urkundlich erwähnt wird.
Der Flurabschnitt „Höfle“ und der Hausname „Adels“ unterhalb der Kirche zeugen noch heute davon.
Der Weg führt weiter in den „Mühlengrund“, wo die „Untere Mühle“ - einst auch Herrschaftsmühle genannt - steht. Sie wird bereits 1575, noch zeitgleich mit dem Rittergut, erwähnt.
Wir erreichen nun den „Viehgraben“, den ältesten Dorfteil Oberweißenbrunns, der unterhalb des besagten Gutshofes angesiedelt wurde. Vor Allem stechen hier zwei große, stattliche alte Häuser mit repräsentativem Charakter ins Auge: Das „Hartshaus“ (Namensgeber war Bürgermeister Adam Hart) mit dem davorstehenden großen Tränktrog aus dem Jahr 1826 und das „Untere Kösperleshaus“ mit einem dekorativen Fachwerk über alle Stockwerke.
Bemerkenswerte, kunstvolle Bildhauerarbeit
An der Straßenseite dieses Hauses, das vermutlich um 1600 erbaut wurde, befindet sich ein barocker Prozessionsaltar mit einer einfachen, später umbauten Nische zur Abstellung des Allerheiligsten (Monstranz). Bei diesem Fluraltar handelt es sich um eine ganz besondere Bildhauerarbeit aus der Zeit um 1700 – wer sie geschaffen hat, ist leider unbekannt. Das Relief ist ein sehr aufwändiges, fein und kunstvoll gefertigtes Sandsteinbildnis, das die Heiligen 14 Nothelfer mit dem segnenden Jesuskind in der Mitte darstellt. Diese werden zur Abwendung von Krankheiten und in schwierigen Lebenslagen angerufen.
Am vierten Altar der Fronleichnamsprozession erbitten die Gläubigen noch heute Schutz für die Gemeinde, Feld und Flur.
Das Denkmal wurde in den 1980er von einer Werkstatt fachlich sehr gekonnt restauriert. Dabei wurden witterungsbedingte Schäden behutsam ausgebessert. Alle Figuren und ihre Attribute sind deutlich erkennbar. Nach einem langgezogenen Aufstieg, vorbei am Flurabschnitt „Höfle“ waren das nächste Ziel die beiden direkt nebeneinander stehenden Wallfahrtsbildstöcke „in der Hurt“, am alten Wallfahrtsweg zum Kreuzberg (Bild 2).

Der ältere der beiden Bildstöcke aus dem Jahr 1753 steht auf der linken Seite und wurde vermutlich von einem Oberweißenbrunner Steinmetz der Abert-Vorfahren geschaffen. Auffallend ist die eigenartige runde und nach oben spitz verlaufende Form des Aufsatzes, die in einem Kreuz endet. Als Motiv ist auch hier wieder die Passion abgebildet - ein Kreuzschlepper in Reliefansicht. Eine weitere Besonderheit sind die Scheibenkreuze auf allen vier Seiten des Sockels. Das Radkreuz, auch Irenkreuz genannt, verweist nicht nur auf die Frankenapostel, sondern steht auch als Symbol für die vier Tages- und Jahreszeiten. Die kaum noch lesbare, verwitterte Inschrift auf der Rückseite des Aufsatzes, der mit einer Eisenklammer gesichert ist, bezieht sich thematisch auf die Errettung der Armen Seelen aus dem Fegefeuer. Dies war in der Barockzeit eine verbreitete Vorstellung und vermutlich der Grund für die Errichtung.
Rechts daneben steht ein Feldaltar aus dem Jahr 1845, der von einer privaten Stifterin in ihrem Anliegen den beiden Heiligen Agatha (Patronin gegen Unglück) und der Heiligen Othilia (Patronin gegen Augenleiden) gewidmet ist. Hier handelt es sich um einen Gebetsaltar zum Niederknien und Innehalten – „zur Ehre Gottes und frommer Christen Erbauung“. Das Flurdenkmal wurde im Jahr 2003 restauriert.
Archäologisches Geländedenkmal
An den „Hagwiesen“ und der „Schreinerserb“ vorbei folgte der Aufstieg zur Anhöhe zwischen den beiden „Hagküppeln“, das weithin sichtbare Wahrzeichen von Oberweißenbrunn
(Bild 3).

Auf diesen beiden natürlichen Erhebungen stand im Mittelalter (11./12. Jh.) eine sogenannte Doppelturmhügelburg mit Holzaufbauten, die wohl zur Bewachung und Absicherung der Umgebung diente. Solche Befestigungen waren als Lehen von Angehörigen des niederen Adels und ihren Familien bewohnt erläuterte Daniela Wagner (Bild 4).

Ob die Errichtung dieser Anlage in Zusammenhang mit dem Bau der nahegelegenen Burgen Rabenstein und Osterburg stehen, ist offen. Ebenso, ob es zum Schutz der Baustellen diente und ob es vielleicht auch ein Recht auf Zoll und Geleit gab. In der Regel wurden diese Befestigungen nach dem Bau der größeren Burgen wieder aufgegeben. Die Wandergruppe ließ nun der Phantasie freien Lauf – Holztürme mit Pallisaden, Wälle und Gräben; Wirtschaftsgebäude, Ställe, Wohnungen für Herrn und Gesinde wurden in der Vorstellung lebendig. Nachdem die Teilnehmenden über die vorhandenen Aufgänge noch auf beide Kuppen hinaufstiegen und die herrliche Aussicht genossen, folgte der Abstieg über den Rundweg. Über die „Heilige Wiese“ und den „Kirfichsweg“ führte der Weg zurück ins Dorf und die Wanderung endete mit viel anerkennendem Applaus am Dorfgemeinschaftshaus.
Im nächsten Jahr ist vorgesehen, die Reihe der Bildstockwanderungen in Oberweißenbrunn mit einem dritten Teil abzuschließen.
Vier Bilder sind im Text benannt und in der Reihenfolge der Nennung beigefügt:
Bild 1 Kreuzschlepper vor dem Altscholze-Haus, Foto Daniela Wagner
Bild 2 Wallfahrtsbildstöcke am alten Wallfahrtsweg zum Kreuzberg, Foto Daniela Wagner
Bild 3: Die Wandergruppe zwischen den Hagküppeln, Foto Georg Salz-Frühauf
Bild 4: Daniela Wagner erläutert historische Hintergründe zu Bildstöcken und den Hagküppeln, Foto Georg Salz Frühauf